Login   Hilfe
 
 

"La Riada" und andere literarische Liebeserklärungen

von Uwe (18.01.2003)





Bücher, Bücher, Bücher... Es gibt einige neue und sehr interessante Formentera-Bücher. Zum neuesten, dem "Zauberbaumflüstern auf Formentera", hat mir Heidi eine ausführliche Kritik geschrieben. Jene Heidi, die eben diese Gebilde von Johannes F. Schultz, dem Autoren besagten Buches, vor genau einem Jahr auf der fonda.de ausführlich beschrieb und damit den Lesern dieser Website näher brachte. Die beiden anderen Bücher sind schon ein paar Monate auf dem Markt, aber nicht minder interessant: Astrid Raderschatts definitive Liebeserklärung an die Insel, die uns allen so am Herzen liegt und Hajo Schedlichs melancholisch-kritische Anmerkungen zu jenem Eiland, das er 1953, vor einem halben Jahrhundert also, als erster Deutscher betrat und dem er auch schon einen interessanten Film gewidmet hat.


Johannes F. Schultz - "Das Zauberbaumflüstern auf Formentera"
[Eine Kritik von Heidi Kueck]

Cover des "Zauberbaumflüsterers".
Ein "Bilderbuch". Ist das nicht was für Kinder im Vorschulalter? Schon dieses Wort auf dem Cover des Buches ließ mich stutzen und über den Begriff nachdenken, bevor ich das Buch überhaupt aufschlug. Dabei kündigt das beeindruckende Foto hinter dem Text, bei dessen Aufnahme der ideale Standpunkt gewählt und der perfekte Sonnenstand abgewartet wurde, bereits an, was den Leser erwartet. Haargenau zutreffend scheint die einfache und klare Definition: "Bilderbücher sind Bücher mit zahlreichen Abbildungen, welche den Text ergänzen oder von Text ergänzt werden." Beim ersten, flüchtigen Durchblättern wird diese Aussage auch gleich bestätigt. Viele wunderschöne Aufnahmen von Formentera und speziell von "La Riada" sowie eigene, mal manieristisch, mal surrealistisch anmutende Zeichnungen des Autoren vermitteln dem Betrachter sofort, dass er kein gewöhnliches Lesebuch in Händen hält, bei dem die Bilder bloß schmückendes Beiwerk sind. Dabei ist das Buch "nur" 93 Seiten stark, doch die sind derart prall gefüllt, dass jede weitere Seite die Aussagen des Buches nur verwässert hätte.

Der Eingangstext, in dem mit einem zwinkernden Auge erläutert wird, für wen das Buch geschrieben ist, wurde so originell gesetzt, dass er die Form einer antiken Vase bildet. Auch ein kleiner Augenschmaus. Das folgende Gedicht von Pablo Neruda ("Oh Erde, warte auf mich") stimmt den Leser ein und ist das einzige Gedicht, das nicht aus der Feder des Autoren stammt. Mit dem Begriff "Insel" beschäftigen sich dann sowohl das Vorwort als auch der weitere Text. "Die Kraft des Meeres formt die Insel und ihren Küstensaum. Ständig spült sie aus, nagt am Felsen oder schleift Strände ein. So sind Küstenformationen lebendige und ungemein spannende Zwischenzonen, Mischwelten zwischen Land und Meer, kreative Tummelplätze der Natur." Schöner kann man es kaum ausdrücken.

Johannes F. Schultz
(Foto: Andreas Pohlmann).
Es folgt eine Beschreibung von Formentera für die Leser, denen dieses "Kleinod unter den Mittelmeerinseln" bisher verborgen blieb. 1972 war Johannes Schultz das erste Mal dort, untergekommen in einem Hotelzimmer ohne Bad, mit Salzwasser aus der Leitung und regelmäßigem Stromausfall. Dabei war dies sein erster Urlaub nach sechs harten Berufsjahren. Fast wäre es der einzige Besuch auf Formentera geblieben. Doch schon im nächsten Jahr war er wieder dort und alle darauf folgenden auch. Nie jedoch schlossen seine Inselerkundungen die Nordspitze ein. Der Blick von einem Hügel neben dem nördlichsten Restaurant "Victor" hielt ihn immer ab, da es nur Steine, Geröll und Sand zu sehen gab. Doch 1992 wagte er den mühseligen Marsch und das war auch der Beginn des Baus von "La Riada". Fasziniert liest man, wie dieses Werk nach und nach, von Jahr zu Jahr, gewachsen ist und Gestalt angenommen hat. Und wie der Name entstanden ist. La Riada bedeutet "Sturmflut, Überschwemmung", was natürlich gut passt zu dem angeschwemmten Strandgut, aus dem es gebaut ist. Doch das ist ein erstaunlicher Zufall. Warum das Werk tatsächlich so getauft wurde, mag jeder Interessierte selber nachlesen.

Anschließend folgt eine sehr intensive Auseinandersetzung mit dem Begriff "Gott", die selbst mich als Atheistin gefesselt hat. Anders als ich es bisher gewohnt war, wird eine Kraft beschrieben, hinterfragt und dem Leser so nahe gebracht, dass man tatsächlich den Ansporn bekommt, "nach neuen Fundamenten außerhalb der naturwissenschaftlichen zu suchen". Mir fällt es schwer, hierzu mehr zu schreiben. Vielleicht, weil ich mich innerlich immer noch mit dem Gelesenen auseinandersetze. Was das mit La Riada zu tun hat, wird sich vielleicht mancher fragen.

La Riada scheint eine sinnlose Landschaftsinstallation zu sein, interessant anzusehen, aber ist es mehr? Ja, es ist viel, viel mehr. Es ist Ausdruck von Lebensfreude, es inspiriert, widerspricht der Schwerkraft, verleitet zum Träumen, lädt den Betrachter ein, über die Natur und ihre Zusammenhänge, über die Kraft des Geistes und über sich selbst nachzudenken.

Und es gibt eine Geschichte, die sich lange vor der Existenz von Riada an eben dieser Stelle auf Formentera zugetragen hat. Eine alte Sage, die davon berichtet, hat Johannes Schultz unter dem Titel "Ballade von der Göttin Astarte" mit viel Spaß, wie er selber schreibt, in gereimte Form gesetzt hat. La Riada ist ein Denkmal dieser Sage geworden. Und so hat der Autor die Sage in seiner Ballade fortgeführt bis in die heutige Zeit.

"La Riada"-Skulptur (Foto: H. Kueck).
Im nachfolgenden Kapitel "Das Zauberwerk" wird auch von unterschiedlichen Reaktionen der Besucher berichtet. Schmunzeln musste ich über das von einem Besucher hinterlassene Woody Allen-Zitat: "Nicht dass ich Angst hätte vor dem Tod, aber wenn er auf mich zukommt, möchte ich nicht hier sein." Dabei hat La Riada auch etwas mit Liebe und Zuneigung zu tun. Immer, wenn Johannes Schultz dort ist, kommt er mit Menschen ins Gespräch und manches Mal sind daraus auch tiefe Freundschaften entstanden. Von einer Brieffreundin, die Riada ohne ihn nur einmal kurz besuchte, erhielt er einen 20-seitigen Kommentar, der auszugsweise abgedruckt ist. Sehr persönlich deutet sie La Riada als Ausdruck seiner Seele und der Suche nach der ewigen Liebe. Und ebenso persönlich reflektiert Johannes Schultz im Folgenden seine Gedanken über die Liebe, und es berührt einen sehr, wenn er zugibt, dass er sich nicht mehr sicher ist, ob es die absolute und ewige Liebe zwischen zwei Menschen überhaupt gibt, da alle "einmaligen" Lieben irgendwann wieder verblasst sind. Dabei gibt er zu, dass er "nie darin eintauchen (...und dann vielleicht keine Luft mehr bekommen)" wollte. Durch diese Angst vor dem Eingeengt-Werden und die daraus resultierende Hemmung, sich voller Vertrauen fallen zu lassen, war ihm wohl die tiefe und ewige Liebe zu einer Frau bisher verwehrt. Anders verhält es sich mit La Riada. Sie ist seine steinerne Geliebte, der er sich ganz öffnet, wie seine ehemalige Brieffreundin Gina schreibt. Aufschlussreich meint sie: "Don Juan wird immer wieder zu La Riada zurückkehren müssen, bis er begreift, dass die Riada nicht außen gesucht und geliebt werden will. Vielmehr wartet in ihm selbst der Riada-Anteil auf Erlösung aus der Versteinerung."

Doch wenn es ihn einmal gepackt hatte und er meinte, jetzt habe ihn die Liebe angefasst "mit all ihrer Unbändigkeit", dann sind ihm wunderschöne Liebesgedichte geglückt, die im letzten Teil des Buches veröffentlicht sind. "Das Zauberbaumflüstern", melancholisch und verzaubernd wie der Titel verspricht, sowie das voller Zerrissenheit und Liebessehnsucht geschriebene "halt mich los" sind gleich beim ersten Mal Lesen zu meinen Lieblingsgedichten geworden...


Heidi

Das Buch ist in keiner Buchhandlung, sondern nur direkt über den Autor erhältlich. Wer möchte, kann auch nach einem handsignierten Exemplar fragen. Das Buch kostet 11 € + 1,50 € Versand und kann unter folgender Mailadresse bestellt werden: Johannes.Schultz@gmx.net. (Achtung: Bitte auf die Endung achten, da sich unter gleicher Mailadresse mit der Endung ".de" ein anderer Johannes Schultz verbirgt.)

Eine ausführliche Beschreibung von Heidi zum selben Thema gibt es auch unter "La Riada" - Stille Begegnung mit J. S.

La Riada-Website


Astrid Raderschatt: "Formentera - Das Gefühl angekommen zu sein"

Cover von Astrids Buch.
Astrid aus Hagen, zweifache Mutter, glückliche Ehefrau und begeisterte Formentera-Liebhaberin, hat eine ganz persönliche Liebeserklärung an unsere Lieblingsinsel zu Papier gebracht. Ihr Schreibstil ist ungeschliffen, einen roten Faden sucht man vergeblich und Interpunktion plus mitunter auch Rechtschreibung (Kneip statt Kneipp, Fokka statt Fokker, etc.) sind ihr bisweilen ein Fremdwort, aber gerade das macht auch den Reiz dieses knapp 270 Seiten starken Buches aus. Astrid, die aufmerksamen fonda.de-Lesern auch durch ihre Beiträge im Neuen Forum bekannt ist, schreibt, wie ihr der munter-freche Schnabel gewachsen ist. Sie erzählt, wie alles begann, stellt interessante und skurrile Insulaner vor und beschreibt mit geradezu schwelgerisch schönen, ja poetischen Worten ihre Liebe zum Meer (ohne Frage das Highlight des Buches).

Meer erweckt Sehnsüchte. Sehnsüchte nach der Ewigkeit? Die See spiegelt ein Leben wieder. Manchmal ist es ruhig und glatt, friedlich und ausgeglichen. Kommen Unebenheiten vor, in Form von Wellen oder leichten Wogen, verlaufen sich diese bis zum Ufer oder sie werden höher und aufbrausend, zerschlagen sich wütend in weißer Gischt, aber immer wieder beruhigt es sich. Ein Lebensraum, der selber lebt. Das grosse Wasser, ein Spiegel, einer, in den man schaut und nichts wird beschönigt, nur ein wenig weich gezeichnet, damit man sich vor der Realität nicht so sehr erschreckt. ... Aber es wird immer, so lange es das Meer gibt, auch Menschen geben, die sich erneut der Bestimmung annehmen und ihren Träumen folgen, es in Worten und Zeichnungen festzuhalten. Aber diese Bewegung des Wassers wird es sich wohl nie gefallen lassen. Sobald es keine Bewegung mehr gäbe, wäre es tot. Das Prinzip des Meeres? Ein ewiges Geben und Nehmen, Leben eben.

Ich mag ihr Buch und habe es gern gelesen. Mady Riehl, einst gestrenge Schiedsrichterin bei der ZDF-Kultssendung "Dalli Dalli", hätte gesagt "20 Mal Blue Bar bzw. 'Blaue' sind ein paar zu viel, wir müssen leider 19 abziehen" - das ist vielleicht der "blaue Faden" in diesem Buch -, aber sonst kann man es bedenkenlos auch an diejenigen verschenken, die dieser Kneipe und ihren Besitzern plus Hunden nicht hoffnungslos verfallen sind. Ein kritisches Wort zum Schluss: Blind wie ein Maulwurf zu sein und sich, wohl aus Gründen der Eitelkeit, keine Brille aufzusetzen, mag zu mancherlei Verwirrungen sorgen und mitunter recht putzig sein. Blind wie ein Maulwurf und brillenlos a) nachts b) auf der Insel mit c) zwei Kindern im Schlepptau ein Auto zu steuern und vom Weg abzukommen, ist nicht lustig, sondern gefährlich. Darüber sollte man den Mantel des Schweigens breiten, drei Kreuze schlagen und sich (bei wem auch immer) bedanken, dass nichts Schlimmes passiert ist. Und bei der nächsten Fahrt nach Möglichkeit eine Brille aufsetzen.

Das Buch kann direkt bei Astrid bestellt werden (ISBN 3-00-010023-7).
Meinungen zu Astrids Buch



Hajo Schedlich - "Adios Formentera"

Schedlich-Cover.
Von Hajo Schedlich, dem ehemaligen ZDF-Redakteur, gibt es bereits einen gelungenen Dokumentarfilm über Formentera aus dem Jahr 1987. 1953 kam er 28-jährig, als erster Deutscher wie ein Wunder bestaunt, auf die Insel. Das ist nun ein halbes Jahrhundert her, und seitdem hat sich viel verändert auf Formentera. Die Insel wurde ihm, so heißt es auf dem Buchrücken, "zum Spiegelbild einer Entwicklung, die im übrigen Europa von der Aufklärung über die industrielle Revolution bis zum heutigen Atomzeitalter reicht". Schedlich hat Formentera über die letzten 50 Jahre begleitet, hat die Anfänge erlebt (damals existierte ein einziges motorisiertes Fahrzeug auf der Insel und ein Bauer zitterte wie Espenlaub, weil er das erste Fahrrad seines Lebens vor sich sah), bei Strandspaziergängen scheinbar utopische Pläne geschmiedet, die dann von anderen in die Tat umgesetzt wurden (das Hotel Roca Bella in Es Pujols), obwohl die einheimischen Bauern ihm das scheinbar wertlose Grundstück direkt am Meer sogar geschenkt hätten. Es kamen die ersten Touristen, im Laufe der Zeit immer mehr, große Hotels wurden aus dem Boden gestampft und das einst so stille Eiland war plötzlich fest in den Händen der Touristen aus aller Welt. Nicht mehr Salzgewinnung und Fischfang waren die Einnahmequellen der Formenterenser, sondern der Tourismus.

Hajo Schedlich (l.) während der Überfahrt.
Der 1925 in Berlin geborene Journalist reflektiert seine Anfangsjahre auf der Insel; sein Ankommen auf Formentera (damit verbunden auch sein erstes Aufeinandertreffen mit Pepe), seine Tagesabläufe, Freundschaften, friedvolles Leben. Und er lässt uns in den beiden letzten Kapiteln wissen, was aus seinen ehemaligen Wegbegleitern geworden ist und wie der Ist-Zustand aussieht. Kapitel XVIII, "Die Heuschreckenplage", beschreibt nichts anderes als die Touristen, die wie Heuschrecken über die Insel herfallen. "Die Leser dieses Buches, also Liebhaber von Formentera, sind natürlich nicht gemeint mit der Heuschreckenplage. Versteht sich." Und im Finale, "Das verlorene Paradies?", heißt es Abschied nehmen von Pepe und dem Mann mit dem Dali-Schnurrbart, Gabriel (der von einem betrunkenen Freund mit dem Auto überfahren wurde). Aus dem Pepe-Sprössling Julian ist der neue Betreiber der legendären Fonda Pepe geworden, der Junge, der einst die schweren Kornsäcke vom Hafen zur Mühle tragen musste, stieg zum reichen Hotelbesitzer auf (Ca Mari - Bartolomé starb vor wenigen Jahren). Aus der Insel der Ruhe wurde eine Insel des Lärms, zumindest zu Saisonzeiten. Und - und damit schließt das Buch, eines vorbestimmten Tages wird, wie Jules Vernes es prophezeite, dem die Formenterenser auf La Mola ein Denkmal errichtet haben, ein Komet unseren Planeten streifen und ein Stück Erde herausbrechen. Dieser winzige Teil Erde wird Formentera sein, seiner Prophezeiung nach das Hochplateau La Mola.

Wer Schedlichs ZDF-Filmdoku aus dem Jahr 1987 kennt, wird das Buch mögen, auch wenn ihm vieles wie ein Déjà-vu-Erlebnis vorkommen dürfte: Wortwörtlich hat Schedlich 15 Jahre nach der letzten Klappe zahlreiche Auszüge aus seinem eigenen Drehbuch aufgeschnappt. Wirken sie im Film teilweise arg sibyllinisch, so entfalten sie in Buchform eine Magie, die "Adios Formentera" in die allererste Liga der bislang veröffentlichten Formentera-Bücher spült.

Das Buch kann über den Verlag Hase und Koehler, Bahnhofstr. 4-6, 55116 Mainz, Fax 06131-227952 bezogen werden (Bestellung aus Deutschland 12 € zuzügl. 0,77 € Versand). ISBN 3-7758-1402-7.

 
 

  zurück   zum Seitenanfang   Seite ausdrucken   Seite empfehlen