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"Camping No!" - Ein wichtiger neuer Film über Formentera

von Uwe (22.02.2018)





Vorneweg und ohne zu spoilern: Max Laun ist mit seiner Doku "Camping No! - Un Momento de Gloria" ein bemerkenswerter Film gelungen. Die einstündige Doku, die der Berliner nach erfolgreichem Crowdfunding selbst kreiert hat, behandelt das Dilemma Formenteras. Die Insel lebt nahezu ausschließlich vom Tourismus und droht eines Tages an justament diesem zugrunde zu gehen. Am 24. Februar wird der Streifen im Filmrauschpalast in Berlin-Moabit uraufgeführt, die Formentera-Premiere ist für den 11. Mai vorgesehen. Es gibt eine deutsche und eine spanische Version der Doku.

Max Laun (Foto: privat)


Laun, Jahrgang 1987, bezeichnet Formentera als seine zweite Heimat. "Seit ich denken kann, war ich mindestens einmal im Jahr unten, um meine Großeltern dort zu besuchen", sagt er. Dennoch wusste er nicht viel über die Insel, sagt er im Gespräch mit der fonda.de. Seine Großeltern sprachen kein Spanisch und hatten nur wenig Kontakt mit den Einheimischen.

"Ich hab' auf Formentera angefangen zu recherchieren. Das Thema für meine Masterarbeit hat sich dann herauskristallisiert." Auf die Spur gebracht hat ihn das Buch "Formentera in deinen Händen" des Journalisten Carmelo Convalia (mehr über ihn später). 2015 wählte er dann die Entwicklung der Umwelt- und Protestbewegung auf Formentera als Thema für seine Masterarbeit. Weil ihn das Thema so beeindruckte, wollte er auch noch einen Dokumentarfilm über die Insel drehen. "Ich dachte mir, es wäre doch schade, wenn nur drei, vier Leute meine Masterarbeit lesen und diese dann in der Schublade verschwindet. Da müssten mehr Leute davon erfahren."

Im Herbst 2016 war er für rund drei Monate auf der Insel. Mit einer Spiegelreflexkamera filmte er die Landschaft und seine Interviewpartner. Um seinen Film zu finanzieren, rief er ein Crowdfunding-Projekt ins Leben. Am 25. September 2017 hatte er die anvisierte Summe - bescheidene 2500 Euro - zusammen. Das entsprach 50 Prozent seiner tatsächlichen Ausgaben. Das Geld wurde in erster Linie für seine Canon 60D und ein Filmschnittprogramm verwendet.

Ein großer Vorteil des 30-Jährigen, der das aufwändige Projekt in Eigenregie stemmte, sind seine Sprachenkenntnisse. Da er sowohl Spanisch als auch Französisch spricht, konnte er sämtliche Zeitzeugen selbst interviewen. Für die Kontakte zu den Protagonisten sorgte vor allem der bereits eingangs erwähnte Carmelo Convalia.



In den 1950er Jahren ging es bekanntlich langsam los mit dem Tourismus auf der Insel. Ich habe 2008 ein kurzes Video über Sioma Baram und Bella Brisel gedreht, die 1953 wohl die allerersten Inselurlauber waren. Mit Anthropologie-Professor Ramon Laffargue hat Laun einen Zeitzeugen aufgetrieben, der sechs Jahre nach dem jüdischen Künstlerpaar die Insel für sich entdeckt hat. Seit 1959 besucht der Franzose Formentera.

"Formentera-Urlauber waren einfach anders drauf"



Kola Grabitzy ist die einzige Deutsche, die als Protagonistin eine Rolle in der Doku spielt. Sie arbeitete einst als Reiseleiterin und lebt seit den 1970ern auf Formentera. In ihrem Gewerbe hätte man sich in den Achtzigern einen Spaß daraus gemacht, Formentera-Urlauber schon am Flughafen von Ibiza ausfindig zu machen, sagt sie in Launs Doku und lächelt dabei. "Die waren einfach anders drauf. Einfacher von der Kleidung, natürlicher."

Als die Salinen in den 1980er Jahren stillgelegt und durch Hotelanlagen ersetzt werden sollten, bildete sich eine erste Protestbewegung. Gabriel Canellas - Spitzname Salinera - war damals nicht nur Präsident der autonomen Gesellschaft der Belaren, sondern auch als Geschäftsführer von "Salinera Espanola" tätig. Rund um die Salinen sollten Ferienhäuser entstehen. Immobilienspekulationen lagen auf der Hand, die Insulaner wurden hellhörig.

Man hätte damals viel Geld machen können, sagt Carmelo Convalia in dem Film. Das ist der Mann, der Max Laun zu "Camping No!" inspiriert hat. 1987 bis 1991 gab der Journalist die Inselzeitung "Formentera Día a Día" heraus, inzwischen arbeitet er beim renommierten "Diario de Ibiza". Er lebt seit vielen Jahren auf der Insel. Den Formenterensern sei schon damals klar gewesen, dass sie, um auch in Zukunft vom Tourismus leben zu können, die Attraktivität ihrer Insel erhalten mussten, sagt Convalia in der Doku.

Mitte der achtziger Jahre rief Ramon Laffargue - also jener Franzose, der schon seit 1959 Formentera bereist - den MAB-Unesco-Verein auf Formentera ins Leben. Als ein ibizenkischer Unternehmer in der Punta Pedrera und am Can Marroig eine große Feriensiedlung mit Sporthafen plant und auch ein eigener Inselflughafen nicht mehr ausgeschlossen wird, und als dann auch noch der umtriebige italienische Finanzjongeleur Paretti 250 Millionen Dollar in die Hand nehmen will, um den den Nordwesten der Insel in ein Luxusressort zu verwandeln, reicht es den Insulanern endgültig. Die "Coordinadora de Entidades Civicas" mit Leuten von der ganzen Insel formiert sich und setzt sich zur Wehr.

Generalstreik auf der Insel



Nun kommt Isidor Torres Cardona ins Spiel. Er ist der wichtigste Zeitzeuge in Max Launs Film. Der hagere, inzwischen betagte Herr, war einer der Anführer der Gegenbewegung auf Formentera.

Isidor Torres Cardona (Foto: Laun)


"Die Coordinadora hatte sich zum Ziel gesetzt, stets eine gemeinsame Antwort auf überdimensionierte Bauprojekte zu suchen", sagt der ehemalige Abgeordnete Formenteras im Parlement der Balearen und spätere Insel-Bürgermeister. Als in den Dünen von Es Ca Marí eine geplante Bungalow-Anlage mit 330 Einheiten entstehen soll, schlägt die Stunde der Rebellen: Die Coordinadora mobilisiert am 5. November 1993 alle wichtigen Insulaner: Generalstreik!

Momente des Ruhmes



Die Demonstranten marschieren vom Hafen in La Sabina bis zur Inselhauptstadt San Francisco. Isidor Torres Cardona hält vom Balkon des Bürgermeisteramts eine flammende Rede, in der es im Groben darum geht, die Insel so zu erhalten, wie sie ist und deren eingeschränkte Kapazität zu respektieren.

Der 5. November 1993 ging in die Geschichte Formenteras ein (Foto: aus dem Film)


Cardona, dieser asketisch wirkende ältere Herr, lächelt dieses eine Mal im Film und spricht im Nachhinein voller Stolz von einem Moment des Ruhmes in der Geschichte Formenteras. "Un Momento de Gloria" ist auch der Untertitel von Max Launs sehenswerter Doku, und diese Sequenz ist ganz klar der Höhepunkt des Streifens. Der Bau einer Bungalow- bzw. Campinganlage wurde schließich eingestellt, weil er gegen das Küstenschutz-Gesetz verstoßen hatte. Ohne Kämpfer wie Cardona wäre das höchstwahrscheinlich nicht so passiert, würde Formentera heute anders aussehen.

Doch das Thema ist auch heute noch aktuell. Formentera platzt vor allem in der Hauptsaison aus allen Nähten. Die Insel habe heute eine der höchsten Verkehrsdichten Europas, sagt der französische Professsor Ramon Laffargue. Der Tourismus sei so schnell über die Insulaner gekommen, sagt Historiker Santiago Colomar Ferrer, "dass wir gar nicht die Zeit hatten, die ganzen Veränderungen richtig zu verdauen".

Kampf dem Massentourismus



Das Schlusswort in Max Launs Film gebührt dem ehemaligen Bürgermeister. "Den Massentourismus zu fördern wird uns in die Armut führen", sagt Isidor Torres Cardona ernst in die Kamera. "Das müssen wir um jeden Preis verhindern."

Und weil sich Formentera auch heute noch in genau diesem Dilemma befindet, ist "No Camping!" sehr aktuell, sehr politisch - und extrem wichtig. "Ich sehe Formentera nun ganz anders", sagt der Berliner Filmemacher. Viele Jahre habe er etliche Urlaube auf der Insel verbracht und gedacht, diese zu kennen. "Nach dem Beginn meiner Recherchen tat sich für mich ein ganzes Universum auf."

Der Kinosaal in der Kulturfabik Berlin-Moabit scheint prädestiniert zu sein für einen Nischenfilm wie diesen. Laun rechnet mit rund 40 Besuchern, Platz gibt es für etwa 60. Der Eintritt ist kostenlos (eine kleine Spende für die Saalmiete ist freiwillig), los geht's am kommenden Samstag um 17.30 Uhr. Alles Wissenswerte zum Film gibt's auf einer eigenen Facebookseite. Weitere Vorführungen sind hierzulande vorerst nicht geplant.

Für die Vorführung am 11. Mai auf Formentera, die in dem kleinen Kulturzentrum Casa del Poble auf der Mola-Hochebene (eigene Facebookseite) vorgesehen ist, hat Max Laun einen Wunsch. Er hofft, dass alle Protagonisten seines Films kommen. Und natürlich zahlreiche Inselfans, die sich für seinen ambitionierten Film interessieren.


 
 

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